Das Phänomen „Futoukou“ Schulverweigerung in Japan

Futoukou“(不登校) wird auf Deutsch als „Schulverweigerung“ übersetzt.

In Japan sind ca. 2% der Schüler/innen betroffen.

Meiner Meinung nach ist der Anteil sehr hoch und ein großes Problem in der Schulsituation in Japan.

Das Schulsystem in Japan

Zuerst muss ich ganz kurz über das japanische Schulsystem erzählen, damit man einen kleinen Überblick bekommt.

In Japan ist das System meistens ein sogenanntes 6-3-3 System.
Es ist benannt, nach der Anzahl der Jahre, die man in der jeweiligen Schule verbringt.

▼6-3-3 System
● 6 Jahre Grundschule(Shogakko

● 3 Jahre Mittelschule(Chugakko
● 3 Jahre Oberschule(Kotogakko

Die Grundschule fängt ab dem 6. Lebensjahr an.

Schulpflicht

Die Schulpflicht dauert von der Grundschule bis Ende des Mittelschuljahres.

▼nach der Schulpflicht
Die Oberschule ist nicht mehr schulpflichtig.
Dennoch haben mehr als 97% der Schüler/innen einen Oberschulabschluss.
Meistens wird die Schule mit 18 Jahre beendet und ca. 50% gehen danach in die Hochschule.

In der Grundschule und Mittelschule gibt es kein „Sitzenbleiben“ und man wechselt automatisch in die nächst höhere Klasse.
Am Ende bekommt man den Grundschul- und Mittelschulabschluss.

Schulverweigerung in DE

In Deutschland versteht man unter die Schulverweigerung ein schulabstinentes Verhalten von Schüler und Schülerinnen während der Schulpflicht.

Unter Schulverweigerung ist ein aktives oder passives schulabstinentes Verhalten schulpflichtiger junger Menschen zu verstehen. Sie zeigen damit ihre Distanz bzw. Verdrossenheit oder Angst in Bezug auf die Schule entweder offensiv durch Fernbleiben, oder eben durch Passivität und Rückzug im Unterricht.
(Fachlexikon der Sozialen Arbeit 8.Auflage Nomos)

Z.B. fehlen Schüler und Schülerinnen regelmäßig ohne Entschuldigung in die Schule – oder auffallend häufig mit Entschuldigung.
Es ist auch ein Art von Schulverweigerung, wenn sie in der Schule anwesend sind, aber nicht am Unterricht teilnehmen oder den Unterricht stören.

Die Betroffenen in Deutschland sind Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Kontexten. Besonders auffällig ist dieses Verhalten in sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen und in Gruppen mit Migrationshintergrund.

Außerdem sind Kinder zu Beginn der Pubertät (Altersstufe 10-14 Jahren) häufiger betroffen und Jungen fehlen deutlich mehr als Mädchen.

Die typischen Ursachen sind unter anderem:

●Mobbing
●Konflikte zwischen Schüler/innen
●Konflikte mit Lehrkräften
●Fehlende Ansprechpartner/innen in der Schule oder Familie
●Leistungsdruck, Angst (z.B. vor Prüfungen oder Noten)

Das Phänomen „Futoukou“

Und jetzt werfen wir einen Blick auf Japan.

Der Begriff des Futoukous ist etwas anders definiert als in Deutschland.

Laut des Ministeriums für Bildung und Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie versteht man unter Futoukou:

Wenn die Schüler/innen aufgrund psychischer, emotionaler, physischer oder sozialer Hintergründe mehr als 30 Tagen im Jahr nicht in die Schule gehen oder gehen können.

Fälle von Krankheit oder finanziellen Problemen zählen nicht dazu.

Das heißt, Schüler/innen sind keine Schulverweigerer, wenn sie nur in der Schule sind, egal ob sie aktiv am Unterricht teilnehmen oder die meiste Zeit unter einem Vorwand im Krankenzimmer verbringen.

▼Vergleich der Schulverweigerung zwischen Japan und Deutschland
・keine Schulverweigerung (Futoukou) sobald Schüler/innen in der Schule erschienen sind,    unabhängig von der Anzahl der Stunden oder aktiver Teilnahme am Unterricht,

・Der Begriff Futoukou wird nicht nur während der Zeit der Schulpflicht verwendet.

・Es gibt kein “Sitzenbleiben” während der Schulpflichtzeit.

・Es gibt keine Strafe, wenn die Schüler/innen selbst nicht in die Schule gehen.

Die Situation ist in Japan so, wie ich schon am Anfang erwähnt habe, dass ca. 2% der Schüler und Schülerinnen bzw. mehr als 160.000 betroffen sind.

40% der Betroffenen fehlen oft mehr als 90 Tage am Stück.

33% haben die Charaktereigenschaft “ängstliche Neigungen” und fehlen auf Grund von Schulangst. Dies ist die größte Gruppe.

Am wenigsten mit 3% sind die Schüler und Schülerinnen mit der Charaktereigenschaft “Nachlässigkeit, Tendenz des verbrecherisches Verhalten” betroffen
(z.B. Alkohol- oder Tabakkonsum. Verstoß gegen das Jugendschutzgesetz).

Dies lässt vermuten, dass das typische Bild von Betroffenen zwischen Deutschland und Japan unterschiedlich ist.
In Japan denkt man häufig an Schulangst, wenn man das Wort Futoukou gehört hat.

Die Ursachen in Japan

Die Ursachen in Japan sind vergleichbar mit Deutschland.

Außerdem sind AGs in Japan ab der Mittelschule oft Pflicht.
Es gibt oft Wettbewerbe oder Konkurrenz mit anderen Schulen.
Dafür gibt es spezielle Übungen, oft sogar am Wochenende.

Zusätzlich existiert eine Altershierarchie.
Ab der Mittelschule Siezen Kinder Schüler/innen aus den oberen Klassen und benutzen eine höfliche Form. (Senpai-Kouhai Kultur)

Weiterhin gibt es strengere Regelungen, was z.B. Schuluniform und Aussehen angeht.
Haare dürfen nicht gefärbt und Ohrringe nicht getragen werden. Der Rock muss lange genug sein, Hemden sollen bis ganz oben zugeknöpft sein, Socken sollen unbedingt weiß oder Schwarz sein und der Schal soll auch nur in einer dunklen einfarbigen Farbe sein.

Diese strengen Regeln existieren plötzlich ab der Mittelschule, daher ist diese Veränderung für Kinder aus der Grundschule oft sehr schwierig.

Außerdem ist der Leistungsdruck in Japan extrem hoch.

Ein Bericht aus meiner Erfahrung mit Futoukou

Ich erzähle euch ein Beispiel aus meinem eigenen Leben.

Ich war vor 17 Jahren eine Schulverweigerin in Japan.
Als ich in die Mittelschule gegangen bin, war ich 12 Jahre alt.

Die ersten 6 Monate bin ich jeden Tag in die Schule gegangen, aber nach den Sommerferien nicht mehr.

Nach den Sommerferien ist in Japan oft ein bedeutender Zeitpunkt für Schüler/innen.
Es ist immer schwierig, nach der längeren Pause wieder in den Alltag einzusteigen.

▼Kinderselbstmord in Japan
Die Zahl der Selbstmorde allgemein ist seit Jahren rückläufig, jedoch steigt die Zahl der
Selbstmorde von Kindern.
332 Schüler/innen sind im Jahr 2018 in Folge von Suizid gestorben.
Unter anderem ist die Selbstmordrate bei Schüler/innen nach den Sommerferien höher als
den Rest des Jahres.

Für mich war es schwierig, alle japanischen, strengen Schulregeln zu befolgen, weil ich ihren Sinne nicht verstanden habe.

Großen Leistungsdruck hatte ich auch, weil direkt am ersten Tag der Mittelschule unser Lehrer gesagt hat, dass wir für die Aufnahmeprüfung in drei Jahren so viel lernen müssen.

Wir hatten viele Hausaufgaben, AG-Übungen am Wochenende und konnten kaum schlafen.
Ich weiß nicht, wie die anderen Schüler/innen alles schaffen konnten.

Ich habe es einfach nicht geschafft und mir ging es psychisch sehr schlecht.
Nach den 6 Monaten habe ich meine Mutter gesagt, dass ich nicht mehr in die Schule gehe.

Ich habe danach fast die komplette Mittelschule gefehlt.
Unser Lehrer hat mich regelmäßig besucht, um mir die Hausaufgaben zu geben, aber ich wollte ihn nicht sehen und habe verweigert.

Zuhause habe ich nicht für die Schule gelernt aber sehr viele Bücher gelesen, mit Themen die mich besonders interessierten.

Wie ich schon oben erwähnt habe, ist in Japan die Schulverweigerung nicht strafbar.
Wenn ich sage, ich gehe nicht mehr in die Schule, dann konnten meine Eltern und auch Lehrer nichts machen.

Ich hatte keine Noten, weil ich gar nicht in der Schule war und natürlich auch die Prüfungen nicht geschrieben habe.
Trotzdem kommt man automatisch in die höhere Klasse und nach zweieinhalb Jahren musste ich die Mittelschule verlassen.

Ich hatte keine Lust auf die Schule, aber ich wollte in die Uni gehen.
Dafür brauchte ich einen Abschluss der Oberschule.
Ich habe mich für eine Aufnahmeprüfung an einer Oberschule angemeldet, über die gesagt wurde, wenn man seinen Namen schreiben kann, kann man auch die Aufnahmeprüfung bestehen.

Ich habe tatsächlich die Prüfung bestanden und dürfte in die Oberschule gehen.
Somit war meine Schulverweigerung vorbei, weil ich wusste, wenn ich nicht in die Oberschule gehe, bekomme ich keinen Abschluss, denn Oberschule ist nicht mehr schulpflichtig und man kann “Sitzenbleiben”.

Meine Kritik am japanischen Schulsystem

Meiner Meinung nach hat das japanische Schulsystem große Defekte.

Es kann nicht sein, dass so viele Kinder und Jugendliche darunter leiden müssen.
Mit dem unnötigen, großen Druck durch erwartete Leistungen und Regelinhalten können sie sich selbst nicht gesund entfalten und lernen.

Außerdem gibt es oft keine passenden Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche.
Es gibt manchmal Schulpsychologen oder Sozialarbeiter in der Schule, aber sie sind nicht jeden Tag verfügbar und die Lehrer oder Lehrerinnen selbst sind schon so überfordert mit den viele Überstunden, AGs und den Eltern.

Es gibt keine günstigen, alternativen Lernmöglichkeiten. Nachhilfe zu bestellen ist sehr teuer in Japan und Familien müssen die Kosten komplett selbst übernehmen.

Schlusswort

Mit diesem Beitrag habe ich euch über die japanische Schulverweigerung (Futoukou) erzählt.
Es gibt bei der Schulverweigerung zwischen Deutschland und Japan Gemeinsamkeiten aber auch entscheidende Unterschiede.

In Japan spielt der sehr starke Leistungsdruck eine große Rolle.

Ich finde, in der Schule sollten die Jugendlichen und Kinder lernen, falls sie scheitern oder über etwas stolpern, dass es meistens nicht so schlimm ist und dass das Leben irgendwie weitergeht.

Im Leben kann man, falls man einmal aus der „normale Schiene“ rausfällt, trotzdem immer einen eigenen Weg finden.

Es ist nicht schlimm, wenn man keine gute Note oder keinen guten Schul- oder Uniabschluss hat und oder in der Zukunft bei keiner guten Firma eingestellt wird.
Das heißt nicht, dass man kein gutes Leben haben kann.

Aber das ist im japanischen Schulsystem und auch in der Gesellschaft wenig akzeptiert.

Es war schon so vor mehr als 15 Jahren, als ich eine Schulverweigerin war.
Die Quote der Schulverweigerung steigt leider immer weiter an.
Ich hoffe, dass das System individueller auf die Kinder und Jugendliche achtet, so dass sie sich gesund entfalten können.

▼Mein Profil
自己紹介

Quelle:
http://www.mext.go.jp/b_menu/houdou/30/10/1410392.htm
Ministeriums für Bildung und Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie in Japan

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